
Dieter Meier
Perpetuum mobile der Selbstverwirklichung
Mit seiner Band «Yello» erlangte Dieter Meier in den Achtzigerjahren internationalen Ruhm. Heute konzentriert sich der ehemalige Pokerspieler vor allem auf seine Tätigkeit als Biofarmer in Argentinien, auf Museumsausstellungen mit seiner Konzeptkunst und den nächsten Spielfilm. Gibt es für Meier ein Erfolgsrezept, und wie begegnet er den wirtschaftlichen Entwicklungen?
Interview: Matthias Ackeret Bearbeitung: Nathalie Zeindler Bilder: Marc Wetli
Interview: Matthias Ackeret Bearbeitung: Nathalie Zeindler Bilder: Marc Wetli
Herr Meier, auf Ihrer Internetseite haben Sie einen Kalender mit den einzelnen Jahreszahlen und ihren Ereignissen aufgeführt. War das Jahr 2011 ein wichtiges Dieter-Meier-Jahr?
Ja, ich konnte in diesem Jahr diverse Projekte realisieren, darunter ein Kinderbuch, ein Buch über «Yello», ein autobiografisches Bilderbuch und eine Retrospektive in einem Museum in Hamburg. Viel Freude machte mir, dass ich nach 35 Jahren mit der Band «Out of chaos» in Deutschland auf Tournee war. Jetzt werde ich in der Pampa Argentiniens verschwinden und hoffe, den Roman «Die Maske des Erzählers» fertigzustellen, an dem ich seit zwölf Jahren herumlaboriere.
Die Folgen der Eurokrise sind momentan sehr stark spürbar. Inwiefern sind Sie als Unternehmer, Biofarmer, Wirt und Grossaktionär davon betroffen?
Ich habe die Krise kaum gespürt. Die Preise für Landwirtschaftsprodukte sind stabil, und die Leute gehen immer noch in Restaurants, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.
Das ist leicht untertrieben.
Sicher sind meine Aktien auch gefallen. Da es sich dabei um langfristige Beteiligungen handelt und nicht um Börsenspekulationen, betrifft mich das nicht zu sehr. Vielmehr belastet mich die argentinische Landwirtschaftspolitik, welche immer wieder den Export verbietet und den Farmern bis zu 35 Prozent der Ernte wegnimmt, um ein populistisches Umverteilungssystem zu betreiben, welches dem Peronismus seit vielen Jahrzehnten die Macht garantiert.
Demnach ist ein politischer Wandel in Argentinien noch in weiter Ferne?
Es sieht so aus. Allein die Stadtverwaltung von Buenos Aires beschäftigt 150 000 Angestellte. Bürgermeister Mauricio Macri hat vor zwei Jahren 3000 Personen entlassen. Aber das hat niemand gemerkt, weil diese ohnehin nicht gearbeitet haben. Präsident Kirchner hat Macri per Dekret gezwungen, diese sofort wieder einzustellen. Die peronistische Regierung hat enorm von den hohen Preisen für Soja, Mais und Getreide profitiert, welche unter anderem auch eine Folge der besseren Ernährung in China sind.
Und davon profitieren auch Sie.
Ja, aber die meisten Farmen, die ich betreibe, sind biologisch ausgerichtet und erwirtschaften sehr bescheidene Renditen. Da ich langfristig an den Erfolg nachhaltiger Landwirtschaft glaube, beschäftige ich mich derzeit mit einem Bewässerungsprojekt am Rio Negro in Patagonien.
Wie viele Farmen betreiben Sie?
Fünf Farmen, welche die verschiedensten Produkte hervorbringen: Wein, Premium Beef, Mais, Getreide, Soja, Früchte und Wolle.
Wie laufen Ihre Geschäfte im Silicon Valley?
Ich habe die Firma verkauft. Obwohl wir die ersten digitalen Mischpulte herstellten und damit auch sechs Oscars für «Best Soundmixing« gewannen, gelang es mir nicht, diese Maschinen erfolgreich zu vermarkten.
Das Restaurant «Bärengasse», welches Ihnen gehört, ist ein riesiger Erfolg. Was machen Sie besser als Ihre Vorgänger, bei denen es immer leer war?
Die Bärengasse ist von meinen Freuden Nicolas Maeder und Patrik Bruderer sehr gut geführt. Es gelang ihnen, eine gute Küche und einen hervorragenden Service aufzubauen. Ebenso glaube ich, dass die Atmosphäre des Lokals und mein Ojo-de-Agua-Wein und das Beef bei den Gästen gut ankommen.
Wie viele Leute sind mittlerweile von Dieter Meier abhängig?
Abhängig ist niemand. Alle meine Mitarbeiter sind Freunde, und viel eher bin ich von ihnen abhängig als sie von mir. Wenn man in Patagonien, am Ende der Welt, Landwirtschaft betreibt, kann das nur funktionieren auf der Ebene von grossem Vertrauen. Auf den verschiedenen Farmen arbeiten fünfzig Leute. Aussaat und Ernte werden von unabhängigen «Contactors» erledigt, weil sich eigene Maschinen erst ab 5000 Hektaren rentieren und ihr Unterhalt vor allem in abgelegenen Gebieten sehr schwierig ist.
Sie sind in den verschiedensten Bereichen aktiv. Wie bringen Sie alle Interessen unter einen Hut?
Es sind tatsächlich verschiedene Hüte. Alle Unternehmungen und Beteiligungen entstanden aus dem Dialog mit Menschen, die mit mir die Begeisterung teilten, etwas Neues zu versuchen. Das gilt für Musik (ohne meinen Partner Boris Blank hätte ich nie diesen Erfolg gehabt), Uhren (mit meinem leider verstorbenen Freund Rolf Schnyder, der Ulysse Nardin im Alleingang zur innovativsten Marke gemacht hat, teilte ich, als in den Siebzigerjahren Quarzwerke erschienen, den Glauben an die Zukunft neuer mechanischer Werke) und Landwirtschaft (ich habe zwei Jahre in Argentinien nach Partnern gesucht, die den steinigen Bio-Weg gehen wollten).
Sie haben auch in der Schweizer Nationalmannschaft Golf gespielt.
Ja, in der Schweizer Juniorennationalmannschaft. Schon als kleiner Junge habe ich bei Sonntagsspaziergängen meine Hosentaschen mit Kieselsteinen gefüllt und auf Pfosten und Bäume gezielt. Der Golfschläger verlängert den Schwung des Arms. Aus einer Körperdrehung heraus ein Objekt auf die richtige Flugbahn zu bringen, ist etwas Wunderbares. Im Haus meiner Eltern, die nicht Golf spielten, hatte ein Freund einen Schläger vergessen, mit diesem ging ich auf den Dolder Golfplatz und sagte, ich würde gerne Golf spielen. Mein nachmaliger Lehrer Dölf Dieter fand das so ungewöhnlich, dass er sich einsetzte, den Knirps in den Club als Junior aufzunehmen. Seither ist Golf für mich eine fast zen-buddhistische Disziplin, aber auch eine Schule der Demut.
Sie stammen aus einer Bankierfamilie. Wie haben Ihre Eltern auf Ihren eigenwilligen Lebensstil reagiert?
Sicher kamen ihnen meine ersten Konzeptkunststücke sehr eigenartig vor. Aber wir waren uns immer sehr nahe, und es war immer ein grosses Vertrauen vorhanden. In der Politik vertrat ich eine andere Meinung als mein Vater, der in diesem Jahr 97-jährig verstorben ist. Mein Vater war ein überzeugter Liberaler, trat jedoch aus der FDP aus. Grund dafür war, dass diese Partei den selbst ernannten Subversivenjäger und Staatsschützer Ernst Cincera als Nationalrat portierte. Mit Informanten spionierte er die linke Jugendbewegung aus und schuf ein Privatarchiv, mit dem er sich vor allem bei Unternehmern profilieren wollte.
Wo standen Sie politisch? Waren Sie links?
Sicher war ich eher links, aber ich konnte mich nie einer Gruppe oder Partei anschliessen und habe versucht, einen eigenen Weg zu gehen, mit dem Credo «Werdet wie die Kinder», einem Satz des jüdischen Wanderpredigers Jesus Christus, der im Grunde sehr anarchistisch ist, weil er die Menschen auffordert, ein Leben lang das Göttliche in sich zu suchen und sich nicht von irgendwelchen Systemen beherrschen zu lassen.
Gegen welches System wehren Sie sich?
Ich bin für die permanente Hinterfragung aller Systeme, auch des kapitalistischen, das sich in einer grossen Krise befindet. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte stellt nicht etwa die Versorgung ein Problem dar, sondern der Absatz. Wenn dieser sich auch nur um zehn Prozent verringert, haben wir eine grosse Wirtschaftskrise. Mit niedrigen Zinsen wollte man auf staatlicher und privater Ebene eine Wirtschaft auf Pump ankurbeln.
Kann diese Abwärtsspirale überhaupt noch gestoppt werden?
Wir befinden uns in einem Wirtschaftskrieg, der unter anderem durch die Fehlkonstruktion EU und vor allem durch den Euro ausgelöst wurde. Die europäischen Nationen haben sich über Jahrtausende entwickelt und deshalb eine sehr ausgeprägte Identität, die vor allem auch im Umgang mit Geld und Verschuldung ihren Ausdruck findet. Diese Nationen können nicht zu einem Bundesstaat wie die USA zusammengeschweisst werden, es fehlt auch der politische Wille. Was Währung anbetrifft, muss jeder vor seiner eigenen Tür auf seine eigene Art wischen. Die nach Brüssel ausgelagerte Verantwortung führt zu Verantwortungslosigkeit und Betrug.
Dieter Meier macht auf Christoph Blocher.
Zweifelsohne hat Blocher Verdienste, dass wir diesem «Monster EU», wie Hans Magnus Enzensberger es nennt, nicht ohnmächtig ausgeliefert sind. Leider ist seine Partei heute von so vielen inneren Widersprüchen zerrissen, dass sie diese oft nur noch mit populistischen Volksverhetzungen übertünchen kann. Was die EU anbetrifft, teile ich die Ansicht des englischen Financiers Jimmy Goldsmith: «Die EU ist deutscher Imperialismus, vorgetragen von einer französischen Hure.»
Zurück zu Ihrer Karriere: Was war rückblickend gesehen Ihr beruflicher Höhepunkt?
Kommerziell gesehen zweifelsohne «Yello», obwohl mein Partner Boris Blank und ich nicht auf Erfolg getrimmt waren. Mit einer Avantgarde-Band Erfolg zu haben, ist eigentlich unmöglich. Ganz am Anfang haben wir in der Roten Fabrik in Zürich Tonbandgeräte auf einen Küchentisch gestellt und damit Geräusche aufgenommen Dass wir hinterher als Stars gefeiert wurden, war eigentlich unvorstellbar. Den überraschendsten Erfolg hatten wir in Amerika, vor allem in der Black- und Latino-Community. Boris Blank ist bis auf den heutigen Tag als Klang-
erfinder sehr kreativ geblieben. Mit unserer letzten CD holten wir erstmals in der Schweiz Platin und in Russland Gold.
Welche Schlüsse haben Sie aus diesem Erfolg gezogen?
Es gibt zwei Wege zum Erfolg, einmal den total opportunistischen, für den man nur nach aussen lebt, und andrerseits den Weg des Findens und Erfindens seiner selbst, bei dem der Erfolg ein zufälliges Nebenprodukt ist. Für mich ergab sich der zweite Weg, wahrscheinlich auch weil mein Vater mir diesen Weg vorgelebt hatte und als Bankier eigentlich nicht final am Geld interessiert war, sondern wie ein Schachspieler an der richtigen strategischen Entscheidung.
Wie hat er reagiert, als Ihnen in den USA der musikalische Durchbruch gelang?
Diese Tatsache hat ihn sehr überrascht. Dass ich als Autor Erfolge hatte und auch mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, konnte er nachvollziehen, da ich schon in der Schule einigermassen vernünftige Aufsätze geschrieben hatte. Dass ich aber als musikalisches Anti-Talent ausgerechnet mit Musik Geld verdiente, hat in sehr überrascht.
Können Sie sich an ein bestimmtes Erlebnis erinnern?
Ich nahm während dreier Jahre Gitarrenunterricht, übte kaum und machte keinerlei Fortschritte. In der Primarschule war es ähnlich. Als ein Flötenkonzert auf dem Programm stand, steckte mir mein Lehrer ein Lineal in den Mund, damit ich keine falschen Töne spielen konnte. Als ich meinen ersten Vertrag bei Warner Brothers unterschrieb, sagte mein Vater: «Die Welt muss verrückt sein.»
Wie hat die Schweizer Kulturszene Ihren Erfolg wahrgenommen?
Manche bezeichneten «Yello» als vorübergehenden Spuk, andere wiederum sprachen von einem originellen Duo. Als wir unsere erfolgreichste Platte mit dem Titel «Stella» auf den Markt brachten, schrieb der Tages-Anzeiger von einem sinkenden Stern. Während in der bildenden Kunst lediglich ein kleiner Kreis von Leuten über Erfolg oder Misserfolg eines Künstlers und dessen Heiligsprechung entscheidet, sind es bei der Musik Hunderttausende, die die Platten kaufen oder die Konzerte besuchen. Die Musikkritik ist zweitrangig, Musikerfolg ein demokratischer Prozess, bei dem viele Leute, indem sie ein paar Franken ausgeben, entscheiden.
Haben Groupies bei Ihnen auch eine Rolle gespielt?
Nein, da wir nur wenige Konzerte gegeben haben, spielten diese keine Rolle. Boris und ich waren immer glücklich liiert.
Sie sind von Haus aus vermögend. Welchen Stellenwert nimmt das Geld bei Ihnen ein?
Als meine älteste Tochter auf die Welt kam, war ich vierzig Jahre alt und lebte mit Monique in einer Zweizimmerwohnung. Wir hatten wenig Geld, und das war absolut okay, weil mir Äusserlichkeiten nichts bedeuten. Das Wichtigste ist die Freiheit im Kopf, und die kann man in einem Wohnwagen am Walensee vielleicht sogar eher haben als in einer grossen Bude.
Sie weichen aus. Geldsorgen hatten Sie nie ...
Ich hatte wenig Geld, aber Geldsorgen hatte ich keine.
Wo leben Sie heute?
Ich wohne in Argentinien, Los Angeles und manchmal in Zürich. Nächstes Jahr hoffe ich, in den USA ein Filmprojekt zu realisieren, und werde deshalb vor allem dort sein, aber mein Lebensmittelpunkt ist seit vielen Jahren Argentinien wegen der Landwirtschaft und dem Aufbau eines Betriebes für Fertigmahlzeiten. Das ist alles andere als einfach. Die argentinische Regierung wirft einem immer wieder Knebel zwischen die Füsse. Deshalb werde ich mich auch nach neuen Möglichkeiten in Uruguay umsehen, um meinen Export nachhaltig garantieren zu können.
Als ehemaliger Pokerspieler waren Sie nie auf Sicherheit bedacht.
(Lacht.) Diese Lebensphase war unmittelbar nach der Matura. Als Pokerspieler ist man von der Welt abgeschieden wie ein Boxer im Ring, busy surviving, vierzehn Stunden jeden Tag, alle paar Minuten neue Karten, neues Leben, neue Entscheidungen. Ich war ein süchtiger Spieler, auch weil ich meinem Ungenügen und mir selbst entfliehen wollte. Meine ersten kleinen Experimentalfilme waren fast wie eine Therapie, weil man beim Filmen eine Idee realisiert und nicht wie beim Schreiben oder Zeichnen unmittelbar mit dem Resultat konfrontiert ist, sondern erst ein paar Tage später den entwickelten Film aus dem Labor bekommt. Das war für mich immer wie Weihnachten.
Pokern Sie heute noch?
Hie und da zum Spass. Aber das hat nichts mehr mit Weltflucht und Sucht zu tun. Damals machte ich mir vor, zu spielen, um Geld zu verdienen und dann nach Marokko abzuhauen, um ein Buch zu schreiben. Die Schuhschachtel, in der ich die Noten aufbewahrte, war mehrmals voll, aber ein süchtiger Spieler will nur gewinnen, um anderntags wieder spielen zu können. Ist er einmal pleite, nimmt er Kredite zu Wucherzinsen auf oder wird sogar kriminell, um seine Sucht weiter zu bedienen.
Gibt es ein Lebensprinzip von Dieter Meier?
Jeder Tag ist ein neues Wunder, und ich hoffe, jeden Tag etwas zu lernen über das eigenartige Wesen, das für ein paar tausend Tage in der Hülle eines Herrn Meier auf diesem Planeten ein kurzes Gastspiel gibt.
Ja, ich konnte in diesem Jahr diverse Projekte realisieren, darunter ein Kinderbuch, ein Buch über «Yello», ein autobiografisches Bilderbuch und eine Retrospektive in einem Museum in Hamburg. Viel Freude machte mir, dass ich nach 35 Jahren mit der Band «Out of chaos» in Deutschland auf Tournee war. Jetzt werde ich in der Pampa Argentiniens verschwinden und hoffe, den Roman «Die Maske des Erzählers» fertigzustellen, an dem ich seit zwölf Jahren herumlaboriere.
Die Folgen der Eurokrise sind momentan sehr stark spürbar. Inwiefern sind Sie als Unternehmer, Biofarmer, Wirt und Grossaktionär davon betroffen?
Ich habe die Krise kaum gespürt. Die Preise für Landwirtschaftsprodukte sind stabil, und die Leute gehen immer noch in Restaurants, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.
Das ist leicht untertrieben.
Sicher sind meine Aktien auch gefallen. Da es sich dabei um langfristige Beteiligungen handelt und nicht um Börsenspekulationen, betrifft mich das nicht zu sehr. Vielmehr belastet mich die argentinische Landwirtschaftspolitik, welche immer wieder den Export verbietet und den Farmern bis zu 35 Prozent der Ernte wegnimmt, um ein populistisches Umverteilungssystem zu betreiben, welches dem Peronismus seit vielen Jahrzehnten die Macht garantiert.
Demnach ist ein politischer Wandel in Argentinien noch in weiter Ferne?
Es sieht so aus. Allein die Stadtverwaltung von Buenos Aires beschäftigt 150 000 Angestellte. Bürgermeister Mauricio Macri hat vor zwei Jahren 3000 Personen entlassen. Aber das hat niemand gemerkt, weil diese ohnehin nicht gearbeitet haben. Präsident Kirchner hat Macri per Dekret gezwungen, diese sofort wieder einzustellen. Die peronistische Regierung hat enorm von den hohen Preisen für Soja, Mais und Getreide profitiert, welche unter anderem auch eine Folge der besseren Ernährung in China sind.
Und davon profitieren auch Sie.
Ja, aber die meisten Farmen, die ich betreibe, sind biologisch ausgerichtet und erwirtschaften sehr bescheidene Renditen. Da ich langfristig an den Erfolg nachhaltiger Landwirtschaft glaube, beschäftige ich mich derzeit mit einem Bewässerungsprojekt am Rio Negro in Patagonien.
Wie viele Farmen betreiben Sie?
Fünf Farmen, welche die verschiedensten Produkte hervorbringen: Wein, Premium Beef, Mais, Getreide, Soja, Früchte und Wolle.
Wie laufen Ihre Geschäfte im Silicon Valley?
Ich habe die Firma verkauft. Obwohl wir die ersten digitalen Mischpulte herstellten und damit auch sechs Oscars für «Best Soundmixing« gewannen, gelang es mir nicht, diese Maschinen erfolgreich zu vermarkten.
Das Restaurant «Bärengasse», welches Ihnen gehört, ist ein riesiger Erfolg. Was machen Sie besser als Ihre Vorgänger, bei denen es immer leer war?
Die Bärengasse ist von meinen Freuden Nicolas Maeder und Patrik Bruderer sehr gut geführt. Es gelang ihnen, eine gute Küche und einen hervorragenden Service aufzubauen. Ebenso glaube ich, dass die Atmosphäre des Lokals und mein Ojo-de-Agua-Wein und das Beef bei den Gästen gut ankommen.
Wie viele Leute sind mittlerweile von Dieter Meier abhängig?
Abhängig ist niemand. Alle meine Mitarbeiter sind Freunde, und viel eher bin ich von ihnen abhängig als sie von mir. Wenn man in Patagonien, am Ende der Welt, Landwirtschaft betreibt, kann das nur funktionieren auf der Ebene von grossem Vertrauen. Auf den verschiedenen Farmen arbeiten fünfzig Leute. Aussaat und Ernte werden von unabhängigen «Contactors» erledigt, weil sich eigene Maschinen erst ab 5000 Hektaren rentieren und ihr Unterhalt vor allem in abgelegenen Gebieten sehr schwierig ist.
Sie sind in den verschiedensten Bereichen aktiv. Wie bringen Sie alle Interessen unter einen Hut?
Es sind tatsächlich verschiedene Hüte. Alle Unternehmungen und Beteiligungen entstanden aus dem Dialog mit Menschen, die mit mir die Begeisterung teilten, etwas Neues zu versuchen. Das gilt für Musik (ohne meinen Partner Boris Blank hätte ich nie diesen Erfolg gehabt), Uhren (mit meinem leider verstorbenen Freund Rolf Schnyder, der Ulysse Nardin im Alleingang zur innovativsten Marke gemacht hat, teilte ich, als in den Siebzigerjahren Quarzwerke erschienen, den Glauben an die Zukunft neuer mechanischer Werke) und Landwirtschaft (ich habe zwei Jahre in Argentinien nach Partnern gesucht, die den steinigen Bio-Weg gehen wollten).
Sie haben auch in der Schweizer Nationalmannschaft Golf gespielt.
Ja, in der Schweizer Juniorennationalmannschaft. Schon als kleiner Junge habe ich bei Sonntagsspaziergängen meine Hosentaschen mit Kieselsteinen gefüllt und auf Pfosten und Bäume gezielt. Der Golfschläger verlängert den Schwung des Arms. Aus einer Körperdrehung heraus ein Objekt auf die richtige Flugbahn zu bringen, ist etwas Wunderbares. Im Haus meiner Eltern, die nicht Golf spielten, hatte ein Freund einen Schläger vergessen, mit diesem ging ich auf den Dolder Golfplatz und sagte, ich würde gerne Golf spielen. Mein nachmaliger Lehrer Dölf Dieter fand das so ungewöhnlich, dass er sich einsetzte, den Knirps in den Club als Junior aufzunehmen. Seither ist Golf für mich eine fast zen-buddhistische Disziplin, aber auch eine Schule der Demut.
Sie stammen aus einer Bankierfamilie. Wie haben Ihre Eltern auf Ihren eigenwilligen Lebensstil reagiert?
Sicher kamen ihnen meine ersten Konzeptkunststücke sehr eigenartig vor. Aber wir waren uns immer sehr nahe, und es war immer ein grosses Vertrauen vorhanden. In der Politik vertrat ich eine andere Meinung als mein Vater, der in diesem Jahr 97-jährig verstorben ist. Mein Vater war ein überzeugter Liberaler, trat jedoch aus der FDP aus. Grund dafür war, dass diese Partei den selbst ernannten Subversivenjäger und Staatsschützer Ernst Cincera als Nationalrat portierte. Mit Informanten spionierte er die linke Jugendbewegung aus und schuf ein Privatarchiv, mit dem er sich vor allem bei Unternehmern profilieren wollte.
Wo standen Sie politisch? Waren Sie links?
Sicher war ich eher links, aber ich konnte mich nie einer Gruppe oder Partei anschliessen und habe versucht, einen eigenen Weg zu gehen, mit dem Credo «Werdet wie die Kinder», einem Satz des jüdischen Wanderpredigers Jesus Christus, der im Grunde sehr anarchistisch ist, weil er die Menschen auffordert, ein Leben lang das Göttliche in sich zu suchen und sich nicht von irgendwelchen Systemen beherrschen zu lassen.
Gegen welches System wehren Sie sich?
Ich bin für die permanente Hinterfragung aller Systeme, auch des kapitalistischen, das sich in einer grossen Krise befindet. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte stellt nicht etwa die Versorgung ein Problem dar, sondern der Absatz. Wenn dieser sich auch nur um zehn Prozent verringert, haben wir eine grosse Wirtschaftskrise. Mit niedrigen Zinsen wollte man auf staatlicher und privater Ebene eine Wirtschaft auf Pump ankurbeln.
Kann diese Abwärtsspirale überhaupt noch gestoppt werden?
Wir befinden uns in einem Wirtschaftskrieg, der unter anderem durch die Fehlkonstruktion EU und vor allem durch den Euro ausgelöst wurde. Die europäischen Nationen haben sich über Jahrtausende entwickelt und deshalb eine sehr ausgeprägte Identität, die vor allem auch im Umgang mit Geld und Verschuldung ihren Ausdruck findet. Diese Nationen können nicht zu einem Bundesstaat wie die USA zusammengeschweisst werden, es fehlt auch der politische Wille. Was Währung anbetrifft, muss jeder vor seiner eigenen Tür auf seine eigene Art wischen. Die nach Brüssel ausgelagerte Verantwortung führt zu Verantwortungslosigkeit und Betrug.
Dieter Meier macht auf Christoph Blocher.
Zweifelsohne hat Blocher Verdienste, dass wir diesem «Monster EU», wie Hans Magnus Enzensberger es nennt, nicht ohnmächtig ausgeliefert sind. Leider ist seine Partei heute von so vielen inneren Widersprüchen zerrissen, dass sie diese oft nur noch mit populistischen Volksverhetzungen übertünchen kann. Was die EU anbetrifft, teile ich die Ansicht des englischen Financiers Jimmy Goldsmith: «Die EU ist deutscher Imperialismus, vorgetragen von einer französischen Hure.»
Zurück zu Ihrer Karriere: Was war rückblickend gesehen Ihr beruflicher Höhepunkt?
Kommerziell gesehen zweifelsohne «Yello», obwohl mein Partner Boris Blank und ich nicht auf Erfolg getrimmt waren. Mit einer Avantgarde-Band Erfolg zu haben, ist eigentlich unmöglich. Ganz am Anfang haben wir in der Roten Fabrik in Zürich Tonbandgeräte auf einen Küchentisch gestellt und damit Geräusche aufgenommen Dass wir hinterher als Stars gefeiert wurden, war eigentlich unvorstellbar. Den überraschendsten Erfolg hatten wir in Amerika, vor allem in der Black- und Latino-Community. Boris Blank ist bis auf den heutigen Tag als Klang-
erfinder sehr kreativ geblieben. Mit unserer letzten CD holten wir erstmals in der Schweiz Platin und in Russland Gold.
Welche Schlüsse haben Sie aus diesem Erfolg gezogen?
Es gibt zwei Wege zum Erfolg, einmal den total opportunistischen, für den man nur nach aussen lebt, und andrerseits den Weg des Findens und Erfindens seiner selbst, bei dem der Erfolg ein zufälliges Nebenprodukt ist. Für mich ergab sich der zweite Weg, wahrscheinlich auch weil mein Vater mir diesen Weg vorgelebt hatte und als Bankier eigentlich nicht final am Geld interessiert war, sondern wie ein Schachspieler an der richtigen strategischen Entscheidung.
Wie hat er reagiert, als Ihnen in den USA der musikalische Durchbruch gelang?
Diese Tatsache hat ihn sehr überrascht. Dass ich als Autor Erfolge hatte und auch mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, konnte er nachvollziehen, da ich schon in der Schule einigermassen vernünftige Aufsätze geschrieben hatte. Dass ich aber als musikalisches Anti-Talent ausgerechnet mit Musik Geld verdiente, hat in sehr überrascht.
Können Sie sich an ein bestimmtes Erlebnis erinnern?
Ich nahm während dreier Jahre Gitarrenunterricht, übte kaum und machte keinerlei Fortschritte. In der Primarschule war es ähnlich. Als ein Flötenkonzert auf dem Programm stand, steckte mir mein Lehrer ein Lineal in den Mund, damit ich keine falschen Töne spielen konnte. Als ich meinen ersten Vertrag bei Warner Brothers unterschrieb, sagte mein Vater: «Die Welt muss verrückt sein.»
Wie hat die Schweizer Kulturszene Ihren Erfolg wahrgenommen?
Manche bezeichneten «Yello» als vorübergehenden Spuk, andere wiederum sprachen von einem originellen Duo. Als wir unsere erfolgreichste Platte mit dem Titel «Stella» auf den Markt brachten, schrieb der Tages-Anzeiger von einem sinkenden Stern. Während in der bildenden Kunst lediglich ein kleiner Kreis von Leuten über Erfolg oder Misserfolg eines Künstlers und dessen Heiligsprechung entscheidet, sind es bei der Musik Hunderttausende, die die Platten kaufen oder die Konzerte besuchen. Die Musikkritik ist zweitrangig, Musikerfolg ein demokratischer Prozess, bei dem viele Leute, indem sie ein paar Franken ausgeben, entscheiden.
Haben Groupies bei Ihnen auch eine Rolle gespielt?
Nein, da wir nur wenige Konzerte gegeben haben, spielten diese keine Rolle. Boris und ich waren immer glücklich liiert.
Sie sind von Haus aus vermögend. Welchen Stellenwert nimmt das Geld bei Ihnen ein?
Als meine älteste Tochter auf die Welt kam, war ich vierzig Jahre alt und lebte mit Monique in einer Zweizimmerwohnung. Wir hatten wenig Geld, und das war absolut okay, weil mir Äusserlichkeiten nichts bedeuten. Das Wichtigste ist die Freiheit im Kopf, und die kann man in einem Wohnwagen am Walensee vielleicht sogar eher haben als in einer grossen Bude.
Sie weichen aus. Geldsorgen hatten Sie nie ...
Ich hatte wenig Geld, aber Geldsorgen hatte ich keine.
Wo leben Sie heute?
Ich wohne in Argentinien, Los Angeles und manchmal in Zürich. Nächstes Jahr hoffe ich, in den USA ein Filmprojekt zu realisieren, und werde deshalb vor allem dort sein, aber mein Lebensmittelpunkt ist seit vielen Jahren Argentinien wegen der Landwirtschaft und dem Aufbau eines Betriebes für Fertigmahlzeiten. Das ist alles andere als einfach. Die argentinische Regierung wirft einem immer wieder Knebel zwischen die Füsse. Deshalb werde ich mich auch nach neuen Möglichkeiten in Uruguay umsehen, um meinen Export nachhaltig garantieren zu können.
Als ehemaliger Pokerspieler waren Sie nie auf Sicherheit bedacht.
(Lacht.) Diese Lebensphase war unmittelbar nach der Matura. Als Pokerspieler ist man von der Welt abgeschieden wie ein Boxer im Ring, busy surviving, vierzehn Stunden jeden Tag, alle paar Minuten neue Karten, neues Leben, neue Entscheidungen. Ich war ein süchtiger Spieler, auch weil ich meinem Ungenügen und mir selbst entfliehen wollte. Meine ersten kleinen Experimentalfilme waren fast wie eine Therapie, weil man beim Filmen eine Idee realisiert und nicht wie beim Schreiben oder Zeichnen unmittelbar mit dem Resultat konfrontiert ist, sondern erst ein paar Tage später den entwickelten Film aus dem Labor bekommt. Das war für mich immer wie Weihnachten.
Pokern Sie heute noch?
Hie und da zum Spass. Aber das hat nichts mehr mit Weltflucht und Sucht zu tun. Damals machte ich mir vor, zu spielen, um Geld zu verdienen und dann nach Marokko abzuhauen, um ein Buch zu schreiben. Die Schuhschachtel, in der ich die Noten aufbewahrte, war mehrmals voll, aber ein süchtiger Spieler will nur gewinnen, um anderntags wieder spielen zu können. Ist er einmal pleite, nimmt er Kredite zu Wucherzinsen auf oder wird sogar kriminell, um seine Sucht weiter zu bedienen.
Gibt es ein Lebensprinzip von Dieter Meier?
Jeder Tag ist ein neues Wunder, und ich hoffe, jeden Tag etwas zu lernen über das eigenartige Wesen, das für ein paar tausend Tage in der Hülle eines Herrn Meier auf diesem Planeten ein kurzes Gastspiel gibt.
